Tipps zum Zähmen von Sittichen und Papageien

 
Viele Halter wünschen sich einen zahmen Hausgenossen, mit dem sie sich beschäftigen können und der sie als Partner sieht. Was viele Halter leider nicht wissen - auch zwei oder mehr Sittiche werden zahm. Auch domestizierte Tiere sollten möglichst artgerecht gehalten werden. Das bedeutet für Sittiche, die sogenannte Schwarmvögel sind und in der Natur außerhallb der Brutzeit oft in großen Schwärmen auftreten, dass sie mindestens paarweise gehalten werden sollten. Verträgliche Sitticharten können auch in der Gruppe gehalten werden. Wir werden von unseren Sittichen in die Gruppe mit einbezogen.
 

Loris - Tipps zum ZähmenEinzeln oder in der Gruppe?
Der Wunsch nach einem zahmen Sittich sollte also niemals zur Einzelhaltung führen! Erschreckend viele Sittichhalter wissen sogar, dass man Sittiche und Papageien nicht alleine halten soll, "aber er ist ja so zahm" und das soll er auch bleiben. Wer nicht bereit ist auch auf die Bedürfnisse seiner Tiere einzugehen, sollte überlegen ob die Sittichhaltung wirklich etwas für ihn ist oder eine andere Tierart vielleicht besser passt. Was viele Halter ebenfalls nicht wissen - auch nicht jeder Einzelvogel wird zahm.

Es ist grundsätzlich zwar möglich, erst einen Sittich zu zähmen und ihm dann einen Partner dazuzuholen, der sich das zahme Verhalten des anderen abguckt. So wird es auch häufig in Büchern und von einigen Züchtern empfohlen.

Der große Nachteil ist, dass der erste Sittich aus seiner gewohnten Umgebung herausgenommen und von seinen Artgenossen und Geschwistern getrennt wird und in eine völlig fremde Umgebung kommt, der er sich alleine stellen muss. Dies ist eine große Umstellung und mit viel Stress verbunden. Deshalb ist es für Ihren Sittich wesentlich einfacher mit einem Artgenossen in sein neues Zuhause zu ziehen. Die Eingwöhnungszeit wird hierdurch verkürzt, die Sittiche werden schneller neugierig auf ihre neue Umgebung und "ihren" neuen Menschen.

Die Zähmung von zwei Sittichen kann sogar einfacher sein, denn es gibt meist einen etwas neugierigeren und mutigeren, dem der andere dann folgt.
 

Voraussetzungen für das Zähmen
Das wichtigste beim Zähmen sind Geduld, Zeit, Ruhe und Verständnis! Man kann Zahmsein nicht erzwingen! Es ist wichtig, dass Sie sich bewusst sind, dass nicht alle Vögel zahm werden und dass man an Vögeln auch sehr viel Freude haben kann, wenn sie nicht zahm sind. Es macht sehr viel Spaß den Sittichen beim Spielen, Herumfliegen, beim gegenseitigen Kraulen, Füttern, Necken usw. zu beobachten. Viele ehemalige Einzelvogelhalter bestätigen, dass es sogar weitaus mehr Spaß macht einem Pärchen oder einer Gruppe zuzusehen als einem zahmen Einzelvogel, der im Prinzip verlernt hat, ein sozialer Schwarmvogel zu sein und der sich bemüht Spiegel oder Plastikpartner (beides übrigens von Fachleuten als tierschutzwidriges Zubehör angesehen) oder seinen menschlichen Partner zu beeindrucken, zu beobachten. Mit dieser Einstellung können Sie vielleicht lockerer an das Zähmen herangehen und sich und den Sittichen auch mehr Zeit lassen, was sich wiederum positiv auf Ihre Versuche auswirken wird.
 

Freiflug vor dem Zähmen
In einigen Büchern steht, dass Freiflug erst dann gegeben werden sollte, wenn ein Sittich zahm ist. Das stimmt so natürlich nicht, denn dann könnten Sittiche, die gar nicht zahm werden, niemals Freiflug bekommen. Der wiederum ist ein Grundbedürfnis von Vögeln und sollte täglich angeboten werden. Freiflug kann bereits nach 2-3 Tagen gegeben werden, wenn der oder die Sittiche den Käfig oder die Voliere als Zuhause ansehen und wissen, dass dort das Futter zu finden ist. Weitere Informationen und Tipps finden Sie auf der Seite Freiflug.
 

Spielt das Alter eine Rolle beim Zähmen?
Diverse Sittichratgeber und auch so manche Sittichhomepage empfehlen ihren LeserInnen dringend, nur einen jungen Sittich zu erwerben, wenn sie einen zahmen Sittich haben möchten und auf keinen Fall einen älteren Vogel zu kaufen, da diese nicht zahm werden. Derartige Ratschläge halte ich für problematisch, denn sie entsprechen aus meiner Sicht nicht den Tatsachen. Sie vermitteln dem Halter, dass Jungvögel immer zahm werden und das Zahmheit zur Haltung einfach dazu gehört, um Freude an seinen Sittichen zu haben. Das dies nicht der Fall ist kann heutzutage glücklicherweise in fast allen Vogelforen anhand der Berichte der Forenmitglieder nachgelesen werden.

Das Alter spielt sicher eine gewisse Rolle beim Zähmen. Jungvögel haben in der Regel noch keine schlechten Erfahrungen gemacht, sind neugierig und trauen sich häufig mehr als ältere Vögel. Jungvögel gewöhnen sich zudem schneller an Veränderungen als ältere Vögel. Jungvögel werden häufig relativ schnell zutraulich oder zahm. 
ABER: Das bedeutet nicht, dass ältere Vögel automatisch nicht zahm werden und alle Jungvögel definitiv zahm werden! Wie bei so vielem ist auch hier der individuelle Charakter, die Neugierde und allgemeine Zutraulichkeit wichtig, dazu kommen die Erfahrungen des Vogels. Ältere Vögel aus schlechter Haltung haben es in ihrem neuen Zuhause natürlich wesentlich schwerer Vertrauen zum neuen Halter zu fassen. Aber das ist wohl verständlich. Mit viel Geduld, Zeit und Einfühlungsvermögen kann man in relativ vielen Fällen auch ältere Vögel zähmen. 
 

Spielt das Geschlecht eine Rolle beim Zähmen?
In einigen Wellensittichratgebern steht, dass Hähne einfacher zu zähmen seien als Hennen. Meiner Meinung nach muss man diese Informationen nicht allzu ernst nehmen, denn viele Halter, mit denen ich gesprochen habe, haben mit der Zähmung von Hennen gute Erfahrungen gemacht. Auch viele Einträge in verschiedenen Sittichforen bestätigen dies. Einige Halter haben mit Hennen bei der Haltung sogar bessere Erfolge erzielt als mit Hähnen.

Bei anderen Sitticharten sind mir keine (angeblichen) Geschlechtsunterschiede bekannt.
 

Spielt die Sittichart eine Rolle beim Zähmen?
Fachleute gehen davon aus, dass die Sittichart durchaus eine Rolle spielt.
Es gibt allgemein zutraulichere und damit leichter zähmbare Arten wie z.B. Wellensittich oder Nymphensittich, aber auch allgemein scheuere Arten wie z.B. Grassittiche, bei denen die Zähmung schwierig oder sogar kaum möglich ist.
Informationen hierzu erhalten Sie bei jeder Art im Sittichlexikon.

Dennoch gibt es individuelle Unterschiede. Nicht jeder Wellensittich oder Nymphensittich wird handzahm und es gibt auch scheue Sitticharten, die zumindest etwas zutraulich werden können. Sehr viel hängt hier vom Charakter des Vogels und auch vom Halter und seiner Geduld ab. 
 
 

Tipps zum Zähmen:

Goldscheitelsittich, Tipps zum Zähmen
Es gibt keine festen Regeln, an die man sich beim Zähmen unbedingt halten muss. Im folgenden finden Sie Anregungen, die Sie nach Belieben variieren können. Am Ende dieser Seite finden Sie weitere Beispiele von Sittich-Info.de-Leserinnen.

Geduld ist das wichtigste bei jeder Zähmung. Ihre Sittiche dürfen sich nicht bedrängt fühlen, denn damit erreichen Sie nur das Gegenteil. Sie müssen auch damit rechnen, dass nicht jeder Sittich wirklich zahm wird, denn dies ist vom Charakter des Sittichs und von den Erfahrungen beim Züchter oder im Zooladen abhängig. Auch die Dauer ist sehr unterschiedlich, manche Sittiche brauchen nur wenige Tage, um zutraulich zu werden, andere brauchen deutlich mehr Zeit. Lassen Sie sich durch anfängliche Schwierigkeiten und schnelle Erfolgsgeschichten von Bekannten nicht entmutigen.

Bedenken Sie, dass Ihre Sittiche Ihre Hand mit unangenehmen Erfahrungen in Verbindung bringen können, z.B. durch das Einfangen mit der Hand beim Züchter und / oder im Zoohandel. Deshalb haben viele Vögel anfangs Angst vor Händen.

Fangen Sie mit Zähmungsversuchen am besten erst an, wenn sich Ihre Sittiche in der neuen Umgebung eingelebt und sich etwas an Sie gewöhnt haben. Geben Sie ihnen dafür mindestens 3, besser 5-7 Tage Zeit, bei Bedarf etwas länger. Während dieser Zeit können Sie sich immer mal wieder vor den Käfig setzen und ruhig mit Ihren neuen Hausgenossen sprechen.

Der Käfig sollte in Augenhöhe stehen. Wenn Sie sich über den Käfig beugen verängstigt das unnötig, denn instinktiv wissen sie, dass "von oben" Gefahr droht (in der Natur durch Fressfeinde wie z.B. Greifvögel).

Die beste Zeit für Zähmungsversuche ist der Abend, da Ihre Sittiche dann bereits etwas müde und ruhiger sind und nicht so sehr durch andere Dinge abgelenkt werden. Fernseher und Radio stören, sie sollten ausgeschaltet bleiben. Behalten Sie möglichst feste Zeiten bei.

Liebe geht bekanntlich durch den Magen. Sie können versuchen Ihre Sittiche mit Leckereien zu locken. Meistens werden Kolbenhirse oder Sonnenblumenkerne gerne angenommen. Damit Ihre Sittiche diese Leckereien bereits kennen ist es ratsam, sie in den ersten Tagen der Eingewöhnung im Käfig zur Verfügung zu stellen  und später nur noch während Ihrer Zähmungsversuche anzubieten.

Halten Sie die ausgewählte Leckerei in die Richtung Ihrer Sittiche, aber weit genug entfernt, dass sie sich noch sicher und nicht bedrängt fühlen. Kolbenhirse sollten Sie dabei am äußersten Ende anfassen. Wenn Ihre Sittiche nicht gleich fressen möchten, versuchen Sie es eben später wieder.  Es kann etwas dauern, bis sich Ihre Sittiche an die Hirse wagen, aber im Normalfall siegt die Lust auf Hirse über kurz oder lang. Mögen Ihre Sittiche etwas anderes lieber als Hirse probieren Sie es damit aus.

Oft wird gefragt, ob man das Körnerfutter vorher wegnehmen kann, damit der Sittich auch hungrig ist. Es schadet nicht, das reguläre Futter etwa ein oder zwei Stunden vorher zu entfernen, viel länger sollte es aber nicht sein. Lassen Sie Ihre Sittiche niemals hungern! Ausreichend frisches Obst und Gemüse sollten immer zur Verfügung stehen.

Sobald sich Ihre Sittiche daran gewöhnt haben Leckereien aus Ihrer Hand anzunehmen können Sie den Handrücken oder einen Finger so davor halten, so dass sie darauf steigen müssen, um an das begehrte Futter zu gelangen. Es kann einige Zeit dauern, bis sich der erste Sittich auf Ihre Hand wagt. Alternativ können Sie Ihre Vögel auch erst einmal daran gewöhnen, auf einen Stock zu steigen, bevor Sie sie auf Ihre Hand klettern lassen. Manchmal geht diese Variante schneller.

Nachdem Sie Ihre Sittiche an die Hand gewöhnen konnten können Sie versuchen den mutigeren auch ohne Kolbenhirse auf die Hand zu bewegen, indem Sie den Handrücken vorsichtig in seine Richtung bewegen. Ihre Vögel wissen inzwischen, dass Ihre Hand keine Gefahr darstellt. Trotzdem ist es normal, dass die Vögel diesen Vorgang erst einmal skeptisch beobachten und nicht gleich ohne Leckereien auf die Hand steigen möchten. Wiederholen Sie diese Übung, bis Ihre Sittiche Ihnen auch ohne Lockmittel vertrauen.

Wenn der erste Sittich irgendwann freiwillig auf ihre Hand steigt, haben Sie ihr Ziel erreicht. Der Partner oder Teile einer Gruppe werden höchstwahrscheinlich über kurz oder lang folgen. Gewöhnen Sie sie mit kleinen "Kletterübungen" weiter an ihre Hand.

Haben Sie sich trotz der Vorteile der Zähmung von zwei Sittichen erst einmal für die Zähmung eines einzelnen Sittichs entschieden und holen danach einen Partner, ist die Vernachlässigung des menschlichen Partners in den ersten Tagen völlig normal. Ein neuer arteigener Partner ist erstmal sehr spannend! Wenn sich die beiden Sittiche aneinander gewöhnt haben und der erste wieder Hirse aus ihrer Hand bekommt, kommt der zweite oft von selbst zu dem begehrten Leckerbissen.
 

Clickern mit Sittichen - Clickertraining:
Als erfolgreiche Alternative, als Ergänzung oder als Fortsetzung hat sich das Clickertraining erwiesen. Mit dem Clickertraining können Sie Ihren Vögeln einiges beibringen und sie beschäftigen.
 
 

Wozu zähmen?

Das Zähmen hat durchaus Vorteile:

  • Ihre Sittiche lassen sich normalerweise leichter in den Käfig oder die Voliere zurückbringen
  • sie lassen sich bei Bedarf problemloser in die Transportkäfige setzen, z.B. für Transporte zum Tierarzt
  • ist es notwendig die Krallen zu kürzen verläuft die Prozedur entspannter für beide Seiten
  • tierärztliche Untersuchungen sind häufig einfacher
  • Ihre Sittiche können leichter mit Medikamenten behandelt werden, die direkt in den Schnabel gegeben werden müssen


Doch das Zahmsein kann auch Nachteile mit sich bringen:

  • erhöhte Unfallgefahr: die Sittiche halten sich in vielen Fällen häufiger auf dem Sofa, dem Boden usw. auf als nicht zahme Sittiche und fliegen gar nicht oder zu spät weg, wenn der Halter nicht aufpasst und sich draufsetzt oder drauftritt. Zahme Sittiche fliegen dem Halter manchmal hinterher, wenn der durch die Tür geht und diese dabei schließt. Dabei kommt es nicht selten zum Gegenfliegen oder sogar zum Einklemmen eines Sittichs in der Tür.
  • zahme Sittiche können schnell bei der Arbeit oder beim Essen stören, solange sie frei herumfliegen dürfen und immer "dabei" sein wollen. Während des Essens können gefährliche Situationen enstehen, wie z.B. das Fliegen in heißes Essen oder die Aufnahme von für Vögel ungeeignetes Essen, das krank macht.
  • zahme Einzelvögel sind auf den Menschen fixiert und akzeptieren oft nur schwer neue arteigene Partner oder lassen sich schwer in eine neue Gruppe Vögel integrieren. Sie weisen kaum noch arteigenes Verhalten auf und sind sehr gestresst.
  • hat der Ersatzpartner Mensch nicht ausreichend Zeit für einen einzeln gehaltenen Sittich, kommt es häufig vor, dass dieser sich langweilt und Verhaltensstörungen zeigt. Viele dieser Sittiche werden zum Rupfer oder Schreier und sind zusätzlichem ständigem Stress ausgesetzt.


Viele Sittichhalter sind auch ohne zahme Sittiche sehr glücklich mit Ihren Tieren und nur unter der Voraussetzung, dass eine missglückte Zähmung kein Problem ist, sollte man sich mit der Anschaffung von Sittichen beschäftigen.
 

Weiterführende Links:


 
URL: http://www.sittich-info.de/haltung/zaehmen.html


Copyright Text & 1. Foto: © www.sittich-info.de
Copyright 2. Foto, Zahmer Goldscheitelsittich: © Gudrun Maybaum, vielen Dank!
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